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Quer Gedacht

 

 

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Eigensinnige Rinder

Warum halten sich Rinder eigentlich nicht daran, was ihnen von Agrarwissenschaft, Forschung und Tierschutz vorgeschrieben wird?
Nun, als Individuen sind Rinder offensichtlich auch ausgeprägte Individualisten. Sie lassen sich nicht in ein starr vorgegebenes Schema pressen. Vor allem darf man nicht vom Verhalten lebenslang eingesperrter, komfortverwöhnter Hochleistungs-Milchkühe auf die Eigenschaften und Bedürfnisse von natürlich gehaltenen, robusten Fleischrindern schließen. Aber gerade das machen Agrarwissenschaft und Berufstierschutz.

Die angeblichen Ansprüche und Bedürfnisse der Rinder werden von Bürokraten oder „Tierschutzaktivisten“ in sterilen Büros ausgebrütet, festgelegt, und mangels Bezug zur Praxis, egalisiert, vermenschlicht und schließ-lich der wehrlosen Landwirtschaft aufs Auge gedrückt. So war z. B. die Rohfaserergänzung mit Stroh bei Silagefütterung im Biolandbau gemäß den ÖPUL-Richtlinien verboten. Die betroffenen Bauern können aber über derartig unsinnige Vorschriften nicht lachen, da diese kostenerhöhend wirken. Wenn neugeborene Kälber, aus ökonomischen Sachzwängen, sofort von ihren Müttern getrennt, und mit Milchaustauschern aufgezogen werden, so ist das im Sinne eines ehrlichen Tierschutzes nur als „tierverachtende“ Brutalität zu bezeichnen. Das schert aber weder Bürokraten noch Tierschützer. Zwar darf das „Kälbchen“ in einem putzigen Iglu mit „weicher, verformbarer Unterlage“ wohnen, das ersetzt aber keinesfalls die natürliche Ernährung eines Säugetieres durch die Mutter. Die Vorgangsweise ist in der Milchproduktion leider notwendig? Gut, was soll aber dann das sonstige, scheinheilige Tierschutzgetue?

Wären Rinder wirklich so windempfindlich, wie man uns glauben machen will, fragt man sich, warum sie im Herbst und Winter oft unbeweglich wie Statuen in Wind, Regen und Schneetreiben stehen, obwohl sie einen überdachten, dick eingestreuten, windgeschützten Ruheraum aufsuchen könnten. Auch wenn dieser Schutzraum in vorschriftsmäßiger Nähe zur Verfügung steht, legen sich Rinder sogar in den Schnee und scheinen sich dabei äußerst wohl zu fühlen. Vielleicht brauchen sie es auch einmal etwas kühler. Andererseits ruhen Rinder, besonders Jungvieh, oft auch an heißen Tagen in der prallen Sonne. Die ausreichend vorhandenen, schattigen Liegeplätze, werden zeitweise einfach nicht benutzt. Offensichtlich wollen sich auch Rinder gelegentlich sonnen. Das dürften sie aber eigentlich nicht.

Ich beobachte das Verhalten von Rindern nun seit mehr als 40 Jahren. Meine Erfahrungen beziehen sich einerseits auf Stallrinder, andererseits auf Mutterkuhherden verschiedener Rassen in ganzjähriger Freilandhaltung. In der Freilandhaltung verhalten sich z. B. Mutter-kuhherden mit Stier in der Herde ganz anders als solche ohne Stier. Der Stier sorgt nämlich allein durch seine Anwesenheit, für Ruhe und Ordnung im Familienverband. Außerdem sorgt er für die höchsten Abkalbequoten und die geringsten Zwischenkalbezeiten. Dieser Umstand wird wohl von allwissenden Amateuren, nicht aber von ernst zunehmenden Rinderfachleuten bestritten. Die künstliche Besamung hat in der Zucht selbstverständlich ihre Berechtigung und Vorteile. In der Fleischproduktion kann man ohne weiteres auf diese unnatürliche Methode zugunsten des Natursprunges verzichten.

Bietet man Rindern weitestgehende Freiheit, verhalten sie sich so wie es ihren tatsächlichen Eigenschaften, also ihrer Natur, entspricht. Das Urrind war ein Waldbewohner, der ohne Liegematte und verflieste Geburtenstation auskam. Von den Eigenschaften des Urrindes kann man jedenfalls auf die Bedürfnisse und Gewohnheiten des Hausrindes schließen.

Zur Rinder-Freiheit gehören:

1. Raum, Raum und noch einmal Raum
2. Ungestörte Ruhe
3. Futter und Wasser zur jeder Zeit, in unlimitierter Menge.

Wenn diese drei Freiheits-Kriterien vorliegen, gibt es keine Rangordnungskämpfe und kein Raufen um Freßplätze. Kühe warten geduldig bis ein Platz bei der Tränke frei wird. Alles läuft ruhig und friedlich ab. Kälber dürfen ungestört neben ihren Müttern fressen. Der an-geblich notwendige, von der Agrarforschung auf den Millimeter genau ermittelte Mindestabstand zwischen fressenden, weidenden oder ruhenden Tieren reduziert sich nahezu auf Null.
Rinder, die in natürlicher Freiheit gehalten werden, liegen in Räumen und im Freien, häufig Körper an Körper. Und das freiwillig, bei überreichlichem Platzangebot. Der wissenschaftlich vorgeschriebene Mindestabstand wird von den unfolgsamen Tieren einfach nicht eingehalten. Warum wohl? Weil Rinder bei der Haltung in engen Gefängnissen denaturiert werden. Die in der Regel, auch bei Einhaltung der gesetzlich festgelegten Mindestflächen und Abstände, viel zu engen Laufställe oder Winteranlagen, lösen offensichtlich ein ganz anderes Verhalten aus, als es Rinder unter natürlichen Haltungsbedingungen zeigen. Es ist eben ein Unterschied, ob einer Herde, von z. B. 12 GVE, auch außerhalb der Vegetationszeit 600 m² oder sechs Hektar Bewegungsraum zur Verfügung stehen.

Auch Menschen, die auf engstem Raum, womöglich noch bei knappem Nahrungsangebot, zusammen leben müssen, neigen zu Aggression, Verteilungs- bzw. Rangordnungskämpfen bis hin zum Mord. Sind diese Zusammenhänge noch keinem Agrarforscher aufgefallen?
An Freiheit gewöhnte Rinder nutzen im Winter auch bei Schneelage den großflächigen freien Auslauf. Sie bewegen sich nahezu auf der gesamten zur Verfügung stehenden Fläche, auch wenn diese mehrere Hektar umfaßt. Gerne werden Böschungen, Baumgruppen, Waldränder oder auch Gebüsche aufgesucht. Die Rinder stehen oder liegen in der Sonne und denken nicht daran die üppig eingestreuten Schutzräume aufzusuchen. Nach meinen Erfahrungen und Beobachtungen bewährt es sich bei ganzjähriger Freilandhaltung Silage und Heu oder Stroh an verschiedenen Stellen zu verabreichen. Auch die Tränke muss nicht in nächster Nähe der Futterstellen oder des Liegeraumes situiert sein. Bewegung ist eine Art von Beschäftigung und Beschäftigung verhindert Langeweile. Letzteres ist nämlich Auslöser für Unduldsamkeit, Rauflust und sonstige Unsitten. Außerdem fördert Bewegung die Gesundheit und steigert die Fleischqualität. Bedenken wir doch, dass Rinder auf Almen oft einen Kilometer oder mehr zur Tränke zurücklegen müssen. Was sind dagegen 50 oder 100 Meter in der Winteranlage!

Die beschriebene Form der Winterhaltung verhindert das Herumstehen im Liegeraum. Dieser wird dann, wenn überhaupt, wirklich nur zum Ruhen aufgesucht. In der übrigen Zeit pendeln die Rinder zwischen den Silage- und Heu-, Stroh-Futterstellen, der Tränke und der Freifläche (Winterweide). Das spart übrigens auch Einstreu. Diese Form der Haltung simuliert sozu-sagen eine ganzjährige Alpung. Und Alpung wird schließlich allgemein positiv bewertet.

Die Abkalbetermine können in der Fleischrindererzeugung ebenfalls der Natur überlassen werden. Die zehnjährige Abkalbestatistik einer Mutterkuhherde (Stier ständig mitgehend) zeigt das sehr anschaulich:

Abkalbungen
Winter = Dezember / Jänner / Feber …………20,7% (davon Feber 66,7%)
Frühjahr = März / April / Mai ………………..63,6% ( davon März / April 61,3%)
Sommer = Juni / Juli / August ………………...8,6%
Herbst = September / Oktober / November …...7,1%

Die Verteilung der Abkalbungen über einen längeren Zeitraum vermindert das Risiko in vielerlei Hinsicht und entlastet die Betreuungsperson. Eine exaktere Steuerung kann unter Umständen z. B. aus klimatischen Gründen erwünscht sein.
Sollte in der Familienhaltung einmal eine Kalbin zu früh belegt werden, so sorgt wiederum die Natur dafür, dass sie nach dem ersten Kalb längere Zeit nicht aufnimmt und ihre Körperentwicklung in dieser Pause nachholen kann.
Schließlich soll noch über das Wiederkäuen gesprochen werden. Durch langjährige Beobachtung bin ich zu dem Ergebnis gekommen, dass Kühe mit Kalb eher im Liegen wiederkäuen.

Das mag seine Ursache darin haben, dass die Kuh auch einmal Ruhe vom sauggierigen Kalb haben will. Außerdem fördert das Liegen die Milchbildung. Kühe ohne Kalb, auch trächtige Tiere, Jungrinder und Stiere stehen häufig beim Wiederkäuen. Wenn Rinder also, aus welchen Gründen auch immer, seltener liegen, muß das nicht, wie von der Wissenschaft behauptet, zwangsläufig zu einer eingeschränkten Wiederkäutätigkeit führen.
Die landwirtschaftliche Praxis muss sich endlich dagegen zur Wehr setzen, dass Ergebnisse aus Kurzuntersuchungen unter Zwangsbedingungen vorwiegend mit Milchvieh, als Mindeststandards für alle Formen der Rinderhaltung festgelegt werden.

Wenn die Agrarforschung einmal dahinter kommt, was mit dem Stroh alles an Bakterien, Pilzen, Milben, Insekten und anderen gefährlichen Materialien (z. B. Feinstaub) in den Stall kommt, wird das Einstreuen mit Stroh aus hygienischen Gründen sicher verboten. Dem Heu könnte es eines Tages ähnlich ergehen. Geht doch der Trend bei NGO-Experten und Professoren dahin, die nachweislich umweltschädlichen Rinder überhaupt abzuschaffen.
Jahrhunderte lang hielt man es für richtig, Rinder in dunkle, feuchte, kellerähnlich Räume ohne Frischluft und Sonne zu sperren und anzuketten. Eine andere Haltungsform wäre damals als Sakrileg angesehen worden und hätte einen Sturm der Entrüstung bei den damaligen Experten ausgelöst. Experten irren bekanntlich nie. Heute zwingt man Rinder in angeblich „artgerechte“ Komfortgefängnisse, mit Liegematratzen und Wasserspülung. Man gewährt ihnen stundenweisen Hofgang á la Sing-Sing und ebenso stundenweise Weidemöglichkeit. Wenn sie das Pech haben in einer kleineren Herde zu leben, bleiben sie sogar angekettet.

Das ist nicht „naturnahe“ und schon gar nicht natürlich. Wer es aber wagt (begründet) anderer Meinung zu sein, wird umgehend mit dem großen Tierschutzknüppel niedergemacht. Ganzjährige Freilandhaltung müsste aber gerade bei Tierfreunden und Tierschützern aller politischen Gruppierungen ganz oben auf der Forderungsliste stehen.

Denn das ist die einzige artgerechte und natürliche Haltungsform.




 
Autor:Wolfgang Müller
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