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Quer Gedacht

 

 

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Trendwende zurück zur Landwirtschaft?

Finanz - und Wirtschaftskrise, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und Pleiten – für wahr kein Grund zur Freude. Nach Beendigung meiner Aktiven Berufslaufbahn lebe ich wieder in meiner steirischen Heimat. Genauer gesagt, im oststeirischen Hügelland. Es war einmal ein reines Agrarland. Und wenn man nicht zu genau hin schaut, ist es das immer noch. Kleine Bauernhöfe, oft nur Keuschen prägten und prägen den Charakter dieser schönen Landschaft. Das Gelände ist schwierig, oft problematischer als im Gebirge.

Früher, als man noch mit Joch rechnete, hatte ein Bauernhof mit 20 Joch eine respektable Größe. Heute sind das magere 11,51 ha. Zum Leben zu wenig – zum Sterben zu viel, wie es so (un-) schön heißt. „Wachsen oder weichen“ lautete daher schon 1968 das Credo des damaligen EG-Präsidenten Sicco Mansholt, einem der Totengräber der bäuerlichen Landwirtschaft Europas.

Aber zurück zur gegenwärtigen Wirtschaftskrise. Die Steiermark ist davon besonders stark betroffen. Den hochgelobten „Auto-Cluster“ beutelt es gehörig. In diesem Bereich und in anderen Zulieferbetrieben der Autoindustrie sind oder besser waren viele Klein- und Kleinst-bauern aus dem Umland von Graz beschäftigt. Was tun nach der Kündigung? Wohl dem, der noch auf einem Stück Land sitzt, von dessen Erträgen er sich und seine Familie mit Lebensmitteln versorgen kann.

Ich vermag es weder mit einer amtlichen Statistik noch mit einer heute so beliebten Studie zu belegen – ich kann mich nur auf Beobachtungen und Informationen aus der engeren und weiteren Nachbarschaft stützen:

Es gibt einen deutlichen Trend zurück in die Landwirtschaft.

Was hat ein Arbeitsloser über 50 noch zu erwarten? Seine Aussichten auf einen neuen Arbeitsplatz sind in der heutigen Situation gleich Null. Aber halt, da ist ja noch die kleine Landwirtschaft! Verpachten konnte man sie im ungünstigen Gelände mangels Interessenten nicht. Also wurde sie schlecht und recht und so extensiv wie möglich weiter geschleppt. Die Eltern halfen dabei, so gut sie das im fortgeschrittenen Alter noch konnten. Jetzt bietet sie ein Auffangnetz und eine bescheidene Lebensbasis.

Nicht als hochspezialisierter Teilnehmer am Markt, sondern als universeller Selbstversorger nach altem Muster. Man sieht sogar wieder da und dort Schafe, Ziegen und manchmal Rinder in unserer Gegend. Sie werden ohne kostspielige Investitionen im Freiland und behelfsmäßigen Offenställen gehalten. Not macht eben erfinderisch. Man kann also hoffen, daß auch das in der Statistik 2005 in der Steiermark mit ca. 8.200 ha ausgewiesene „nicht mehr bewirtschaftete Grünland“ bald wieder in Nutzung genommen wird.

Die sich abzeichnende Trendwende erfolgt überraschend schnell und wieder einmal völlig unbemerkt und unbeachtet an der Politik vorbei.
Gestern sprach ich mit einem Nachbarn: „Mein Betrieb, bei dem ich die letzten 17 Jahre beschäftigt war, hat mich gekündigt“, erzählte er. „Was soll ich machen? Beim AMS redet man nur von höherer Qualifizierung und Schulung, dabei bin ich eh gelernter Maurer. Was soll ich mit meinen 51 Jahre noch werden – vielleicht Computertechniker oder Kellner?
Nein, ich bleibe zu Hause und kümmere mich um meine Landwirtschaft. Groß ist sie ja nicht, fünfeinhalb Hektar und ein Hektar Wald. Aber für die Familie kann ich genug produzieren. Ab und zu bekomme ich – bitte nicht weiter sagen – auch als Mauerer einen Pfusch. Es wird schon irgendwie weiter gehen“.
Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer? Immerhin, ein Beispiel von vielen. Aber nicht nur ältere Menschen schlagen diesen alternativen Weg ein. Ich kenne viele junge Leute, die heute ebenso denken und handeln. Noch vor vier oder fünf Jahren hörte ich ganz andere Aussagen aus diesem Kreis: „Ich schlage lieber Nägel ein, als in den Stall zu gehen“ sagte ein junger Kleinbauer, der als Hilfsarbeiter bei einem Zimmermann arbeitete. Jetzt geht er, wohl oder übel, doch wieder in den Stall.

Die Wirtschaftskrise ist ein Unglück für uns alle. Aber, so wird behauptet, in jeder Krise steckt eine Chance. Ich sehe die Chance in der möglichen Wiederbelebung der kleinbäuerlichen Landbewirtschaftung mit dem vorrangigen Ziel der Selbstversorgung mit Lebensmitteln und Heizmaterial. Das paßt natürlich absolut nicht in den meanstreem, ist nicht modern und progressiv. Das wohl nicht, aber es ist wahrscheinlich zeitgemäß.

Ich vertrete daher den Standpunkt: Es ist ein Segen für unser Land, wenn diese krisensichere Bewirtschaftungsform von kleinen und kleinsten Bauernhöfen, die bisher noch alle Stürme bis hin zur Gemeinsamen Agrarpolitik der EU überstehen konnten, mit neuem Leben erfüllt wird.
 
 
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